Geistlicher Impuls im Dezember 2024

Hören, staunen und beten

Liebe Kolpinggeschwister,
 
schon wieder steht Weihnachten vor der Tür. Je älter wir werden, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen – so jedenfalls mein Eindruck.
Wir wünschten uns auch im letzten Jahr alles Gute und vor allem Frieden auf Erden! Was ist daraus geworden? Die Antwort geben uns die alltäglichen Schreckensnachrichten in den Medien. Wo bleibt da die verändernde Kraft der Menschwerdung Gottes? Schließlich soll doch nicht alles beim Alten bleiben. Unsere Hoffnung drängt doch gerade auf Veränderung der herrschenden Zustände – im privaten wie im öffentlichen Bereich. Wie aber kann ein verändertes Leben beginnen? Ich habe dazu eine Geschichte gefunden, die uns möglicherweise eine Antwort geben kann:
 
Mit den Hirten betrat ich den Stall und schaute mich um. Ich sah die Tiere, Maria und Josef und die Krippe. Ich schaute das Kind an, und das Kind schaute mich an. Plötzlich erschrak ich, und Tränen traten in meine Augen. „Warum weinst du?“, fragte das Kind. „Weil ich dir nichts mitgebracht habe!“, antwortete ich. „Ich möchte aber gern etwas von dir“, sagte das Kind. Ich fiel ihm gleich ins Wort: „Meine neue Jacke, mein Fahrrad und mein neues Smartphone?“ „Nein“, erwiderte das Kind, „das brauche ich nicht. Dazu bin ich nicht auf die Erde gekommen. Ich möchte etwas ganz anderes von dir haben!“
Ich überlegte. „Was denn?“, frage ich erstaunt. „Schenk mir deinen letzten Aufsatz“, sagte das Kind leise, so dass es niemand anderer hören konnte. Ich erschrak. „Jesus“, stotterte ich und kam ganz nah an die Krippe heran, „aber da hat doch der Lehrer ‚ungenügend’ drunter geschrieben.“ „Eben deshalb möchte ich ihn haben“, sagte das Kind. „Aber warum denn?“, fragte ich. Das Kind antwortete: „Du kannst mir immer das bringen, wo ungenügend drunter steht. Willst du das?“ „Ja, gern“, sagte ich etwas verwirrt.
„Ich möchte aber noch ein zweites Geschenk von dir“, sagte das Kind. Hilflos schaute ich es an. „Deinen Trinkbecher“, fuhr das Kind fort. „Aber den habe ich heute früh zerbrochen“, erwiderte ich. Aber das Kind in der Krippe sprach: „Du kannst mir immer das bringen, was in deinem Leben zerbrochen ist. Ich will es wieder heil machen. Gibst du mir das?“ „Das ist schwer“, zögerte ich, „aber ich will es versuchen.“
„Nun mein dritter Wunsch“, sagte das Kind. „Bring mir die Antwort, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie fragte, wie denn der Becher kaputt gegangen sei.“ Da wurde ich ganz rot, legte voller Scham die Stirn auf die Kante der Krippe und weinte. „Ich, ich, ich ....“, brachte ich stotternd heraus. „In Wirklichkeit habe ich den Becher nicht versehentlich umgestoßen, sondern ihn absichtlich auf den Boden geworfen, weil ich so wütend auf meine Mutter war.“ „Ja“, sagte das Kind in der Krippe, „du kannst mir immer deine Lügen, deinen Trotz, deinen Ärger, deine Enttäuschungen, deine Scham und das Böse, das du getan hast, bringen. Und ich werde es mir anhören und dich annehmen.“ Und ich schaute, hörte, staunte und betete an.
Solche Erfahrungen, die uns schauen, hören, staunen und beten lassen – die wünsche ich euch allen zu dieser Weihnachtszeit. Denn in solchen Erfahrungen wird Gottes heilsame Gnade wirksam, die uns ins Leben und zum Leben hilft. Darin kommt uns Gott ganz nahe – der „Gott mit uns“.
 
Euer Diakon
Franz Haueisen
Bezirkspräses