
Für viele Menschen ist der November ein trister Monat. Die Tage werden kürzer, die Natur zieht sich zurück, vieles wirkt stiller und dunkler. Es ist eine Zeit, in der wir uns mehr mit Vergänglichkeit und Tod auseinandersetzen. Gleichzeitig ist der November ein Monat des Erinnerns. Wir denken an Menschen, die nicht mehr bei uns sind. Wir erinnern uns an ihre Gesichter, ihre Geschichte und an gemeinsame Erlebnisse, manchmal aber auch an Wunden, die geblieben sind.
Für mich hat der Volkstrauertag neben den vielen anderen Gedenktagen im November eine besondere und persönliche Bedeutung. Mein Vater war als junger Mann im zweiten Weltkrieg. Von dieser Zeit sind einige Fotos geblieben, die er in einer kleinen Schachtel aufbewahrt hat. Darunter sind Fotos von ihm und seinen Kameraden – junge Männer, die ein Teil ihres Lebensweges gemeinsam gehen mussten, ohne zu wissen, was vor ihnen lag. Besonders berühren mich die Bilder meiner gefallen Onkel und anderer junger Männer aus unserem damals noch sehr kleinen Dorf. Wenn ich diese Gesichter sehe, wird Geschichte plötzlich ganz persönlich. Es sind keine Namen aus dem Geschichtsbuch, sondern Namen aus unserer Familie und Nachbarschaft, die ich und meine Geschwister nie kennenlernen durften. Menschen die ihr Leben noch vor sich hatten. In einer kleinen Kirche und in der Gedenkkapelle auf unserem Friedhof erinnert eine Tafel mit den Namen der Gefallen an sie.
Erinnerung, wie kostbar Frieden ist
Jedes Mal, wenn ich davorstehe, erschreckt und bewegt es mich aufs Neue, wie viele junge Männer, Familienväter aus unserem Dorf, im ersten und zweiten Weltkrieg ihr Leben lassen mussten. Der Volkstrauertag ist für mich deshalb mehr als ein Gedenktag. Er ist eine Erinnerung daran, wie kostbar Frieden ist – und wie wichtig es ist, die Erinnerung daran festzuhalten. Denn hinter jedem Namen steht ein Mensch, eine Familie, Hoffnungen und Träume. Und hinter jedem Namen steht ein Leben, das viel zu früh endete. Deshalb ist es unsere Aufgabe, diese Geschichten weiterzutragen, damit die Namen und Gesichter dieser jungen Menschen nicht in Vergessenheit geraten. Die Erinnerung soll uns dabei helfen, Vergangenheit nicht nur zu betrachten, sondern aus ihr zu lernen.
In diesem Sinne hat Josef Vogt, ein Mitglied unserer Kolpingsfamilie Brigachtal, die Initiative ergriffen, im Jahr 2014 am Volkstrauertag weiße Holzkreuze mit dem Namen der Gefallenen errichten zu lassen. Diese Kreuze gaben den Namen ein Gesicht und machten deutlich und sichtbar, dass hinter jedem Kreuz ein Mensch und ein Schicksal stehen.
So führt das Erinnern auch unweigerlich zu der Frage: Was können wir für den Frieden tun? Jesus sagt:
„Selig sind die, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“
Diese Worte von Jesus sind nicht nur am Volkstrauertag von großer Bedeutung, sondern auch in unserem Alltag. Frieden beginnt dort, wo wir einander zuhören, wo wir bereit sind zu vergeben, wo wir Brücken bauen und den anderen nicht zuerst als Gegner, sondern als Menschen sehen.
Johanna Hildebrand
GL Kolpingfamilie Brigachtal








